Eine kleine Geschichte…


Ein Mann, nennen wir ihn Michl, lebt in einem Baumhaus, das in der Krone eines kräftigen und prachtvollen Baumes untergebracht ist. Er ist stolz auf seinen kleinen Besitz, und hat eine Menge Arbeit in die Hege und Pflege seines Eigenheimes gesteckt. Zusammen mit seinen Nachbarn arbeitet er gerade daran, ihren Teil des Waldes noch schöner zu gestalten. Sie ernten viel Lob für ihre Arbeit. Einige andere aber beharren darauf, dass das Leben am Boden das einzig Wahre sei. Nunja, Neider eben, man kann es nicht allen recht machen. Seine Nachbarn und er geniessen jedenfalls die Freiheit und Unbeschwertheit, die das Leben über dem Boden mit sich bringt.

Eigentlich ist Michl glücklich, doch seit geraumer Zeit fällt es ihm zunehmend schwerer, richtig zu schlafen. Seinen Nachbarn geht es genauso. Sie werden wie er immer wieder durch unheimliche Geräusche geweckt. Man stellt Vermutungen an, forscht nach, und bald schon hat man die Quelle der Ruhestörung entdeckt: einige der Neider scheinen nachts zwischen den Bäumen herumzuschleichen und geheimnisvoll zu tuscheln.

Der Förster, ein angesehener Mann in der kleinen Gemeinschaft, ergreift die Initiative und stellt Fallen auf - zur Abschreckung. Es scheint zunächst zu funktionieren, aber schon bald beginnen die Probleme erneut. Wieder schleichen sich seltsame Gestalten umher, beschimpfen jetzt aber die Gemeinschaft lautstark und rütteln wütend an den Bäumen.

Erneut bietet der Förster seine Hilfe an und schlägt vor, er könne ja auf dem Boden Wache halten, um die Störenfriede bei Bedarf zu vertreiben. Gesagt, getan. Doch auch diese Maßnahme wirkt nur beschränkt. Die Störenfriede tauchen zwar seltener auf, aber dennoch kann die Wache des Försters sie nicht vollständig abschrecken. Der Förster beginnt daher, beim Auftauchen der Ruhestörer auf Töpfe und Pfannen zu schlagen - das laute Geräusch soll sie zusätzlich einschüchtern. Michl kann bei diesem Krach zwar nicht besser schlafen, aber ok, der Förster wird schon wissen, was er da macht.

Tage vergehen, und eine gewisse Routine zieht ein in den Alltag der Gemeinschaft. Doch dann wird der grösste Gemüsegarten verwüstet. Empörung und Entsetzen über diesen Vandalismus beherrschen nun für einige Zeit die Gespräche der Freunde untereinander, und man beschliesst, Zäune um alle Gemüsegärten und überhaupt um das ganze Gebiet zu ziehen. Die Stimmung beruhigt sich bald wieder, aber ein mulmiges Gefühl hat Michl dennoch. Bald darauf wird die Einrichtung des Försterhauses verwüstet. “Au weia”, denkt sich Michl, “die kommen ja immer näher!” Angst, ja fast schon Panik macht sich ihn ihm breit… “Was mache ich, wenn die als nächstes meinen Baum ins Visier nehmen?”

Der Förster reagiert ruhig, aber bestimmt. Er versammelt die Mitglieder der Gemeinschaft und sagt: “Das war ein feiger Akt, ganz klar ein Anschlag gegen unsere geschätzte Lebensweise. Ich habe zwar nicht verhindern können, dass sie mein Haus verwüsten, aber ich habe gesehen, wie sie weggelaufen sind. Dank meiner Wache können wir nun sicher sagen, dass es die gleichen Vandalen waren, die auch schon den Gemüsegarten zertrampelt haben - ihr seht, meine Vorschläge waren also richtig. Dennoch…”

Michl fällt es immer schwerer, sich auf die Rede zu konzentrieren. Der Schlafmangel der letzten Wochen fordert seinen Tribut, und die Angst um sein Heim tut ihr übriges. “Scheinbar geht es den anderen auch so”, denkt sich Michl, als er in der Runde der Zuhörer umschaut. Es gelingt ihm dennoch halbwegs, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Rede des Försters zu richten.

“… dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wähnen. Die Störer sind immer noch aktiv, und wir müssen weitermachen! Ich werde die Stämme eurer Bäume ansägen, das wird sie verwirren und ihnen den Zugang zu euren Häusern erschweren. Ausserdem werde ich nachts abwechselnd in euren Betten liegen und aufpassen - so können sie sich nirgendwo unbeobachtet fühlen! Das sind sinnvolle Maßnahmen, die unsere Sicherheit weiter erhöhen.”

Einer der Zuhörer steht auf. “Äh… ich glaube, es ist ein Fehler, die Baumstämme anzusägen. Das schwächt doch nur die Bäum…” Weiter kommt er nicht, denn der Förster fährt ihm zornig ins Wort: “Ach, das ist doch blanker Unsinn! Willst Du daran Schuld sein, wenn sie als nächstes Michls Haus verwüsten?” Michl zuckt zusammen, als er seinen Namen hört. “Mein Haus, in Gefahr? Oh Gott, oh Gott, ich wusste es doch!” Der Förster fährt fort: “Was ist, wenn es Dein Haus und Deine Familie erwischt? Überhaupt ist mir aufgefallen, daß Du immer wieder gegen meine Vorschläge warst. Sympathisierst Du etwa mit diesen Vandalen?!”. Alle Köpfe drehen sich zu dem Angesprochenen, der unter den misstrauischen Blicken seiner Freunde eingeschüchtert den Kopf senkt, ein leises “Nein, natürlich nicht.” haucht und sich wieder setzt. “Schau an”, denkt sich Michl, “ein Vandale in unseren eigenen Reihen… schrecklich!”. “Es ist wohl besser, wenn ich eure Gespräche kontrolliere”, fährt der Förster fort, “man kann nie sicher sein, ob nicht doch Vandalen-Sympathisant unter uns ist. Wer nichts zu verbergen hat, braucht keine Angst zu haben.”

Die Gemeinschaft stimmt den Vorschlägen also zu, und so macht sich der Förster ans Werk. Er sägt alle Stämme wie besprochen an, schnitzt gar furchterregende Masken tief in das Holz und spannt ausserdem noch Stacheldraht um jeden Baum. Schilder mit der Aufschrift “Wir sehen euch!” oder “Seid euch nie sicher!” sollen sie einschüchtern… die Störer natürlich. Gespräche mit der “Aussenwelt” dürfen nur noch in Beisein des Försters geführt werden. Jede Nacht wacht er ausserdem von nun an in einem anderen Haus. Und tatsächlich, die Störer bleiben fort. Die Gemeinschaft kann wieder ruhig schlafen. Ruhe kehrt ein.

Einige Wochen später… Michl liegt wach in seinem Bett. Ein Gewitter zieht heran, und der Regen prasselt beruhigend auf das Dach seines Hauses. Das Licht der Kerze an seinem Bett verbreitet eine angenehme Wärme im Zimmer, und Michl geniest die idyllische Athmosphäre. Wie schön es doch früher war, ohne all die Schilder, Zäune und Schranken. Die Menschen waren irgendwie freier und freuten sich mehr am Leben. Heute fällt das schwer, alle sind irgendwie bedrückt. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Bäume kaum noch Blätter haben, alles sieht so kahl und trostlos aus. “Was solls”, seufzt Michl leise und zuckt mit den Schultern, “wenigstens können wir wieder in Ruhe schlafen, das ist doch auch was wert.”

Der Donner eines nahen Blitzeinschlages reisst ihn jäh aus seinen Gedanken. Erschreckt stellt er fest, dass der Sturm mittlerweile den Wald erreicht hat und sein Baum furchterregend wackelt. Er flüchtet sich schliesslich, wie seine Freunde, auf den Boden und zusammen bringen sie sich in einer nahegelegenen Höhle in Sicherheit. Die Nacht vergeht, der Sturm legt sich langsam. Bei ihrer Heimkehr am nächsten Morgen zeigt sich ein grauenvolles Bild der Verwüstung. Der Sturm hat alle Bäume umgeworfen. Die Häuser sind kaputt, die Gärten verwüstet, das einstige Paradies ist zerstört.

Während sie sich alle erschüttert in den Trümmern umsehen, kommen die einstigen Neider herbei, lachen laut und rufen “Seht Ihr, wir wussten doch, dass das alles nichts taugt! Das habt ihr nun von eurem Hochmut!”. Die Neider wenden sich ab, gehen fort. Michl überlegt gerade, warum ihm der eine so bekannt vorkommt - er glaubt, ihn einmal nachts unter seinem Baum gesehen zu haben - als der sich auf einmal umdreht und dem Förster zuruft: “Danke auch für Deine Hilfe!”.

Michl schaut verdutzt und fragt sich dann leise: “Was meint er nur damit?”

Danke an Johnny von Spreeblick, der mich durch sein Posting indirekt auf diese Geschichte gebracht hat. Er schreibt dort unter anderem:

Sicherheit jedoch, die gibt es nicht. Es gab sie nie und es wird sie nie geben. Sicher, das weiß der Volksmund der selten daneben liegt, ist nur der Tod. Wer mir darüber hinausgehende Sicherheit vorgaukeln will, ist ein Lügner und hat wahrscheinlich noch mehr Angst als ich.

Und dennoch und gleichzeitig, das ist der tolle Teil, kann das Leben nicht sicherer sein, als es ist. In welchem anderen Bereich kann man schon so genau sagen, wie es anfängt und wie es aufhört? Okay, der Zeitpunkt mag beim Fußball etwas klarer definiert sein. Aber das Ergebnis ist weit schlechter vorhersehbar.

Es gibt viele Gründe, manchmal Angst zu haben. Aber es gibt noch viel mehr Gründe, sicher zu sein. Da bin ich mir sicher. Keine Angst.

Wenn Michl diese Worte gehört hätte, wäre ihm vielleicht klar geworden, welchen Fehler er und seine Freunde gemacht haben…

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Kommentare

Ich denke auch so wurde es schon gesagt: Wir können nur Freiheit gegen Sicherheit eintauschen. Weder für Geld noch sonst Irgendetwas kann uns Sicherheit geben.

Danke für die Geschichte!

maik