Blogbeitrag

19 | 07 | 2005

Offener Brief an die Redaktion des Handelsblattes

Geschrieben von otaku42 um 0:10 Uhr


To: handelsblatt.com@vhb.de
Subject: "Rückschlag für Anti-Terror-Kampf"

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Online-Ausgabe des Handelsblatt findet sich ein Artikel zur BVerfG-Entscheidung über den EU-Haftbefehl. Der gewählte Titel, “Rückschlag für Anti-Terror-Kampf”, ist meines Erachtens ein Unding, impliziert er doch, daß die Entscheidung der Karlsruher Richter ein Fehler sei, der verhängnisvolle Folgen haben könne. Letztlich scheint das ja auch die Auffassung von Frau Zypries zu sein. Das ist doch aber nur die halbe Wahrheit.

Ihre Kollegen vom Kölner Stadtanzeiger berichten darüber, welche fundamentalen Pannen bei der Umsetzung der EU-Vorgaben in nationale Gesetzgebung gemacht wurden. Die Kurzfassung: fehlende parlamentarische Kontrolle und ausgebliebene Diskussion des Gesetzentwurfs. Der Versuch von Beteiligten, den Zeitdruck und die Angst vor den (nicht existenten) Konsequenzen einer Nicht-Umsetzung dieser Richtlinie als Entschuldigung anzuführen, ist genauso peinlich wie Ströbeles Aussage “Das ist einfach so durchgerutscht”. Anders gesagt: das Problem ist hausgemacht.

Als bodenlose Frechheit empfinde ich vor diesem Hintergrund die Aussage von Frau Zypries, dieses Urteil sei ein “Rückschlag bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus”. Zudem sprach sie die Befürchtung aus, das Urteil führe zu einer weiteren Bürokratisierung des Verfahrens. Das Wort Bürokratisierung ist negativ besetzt und wird im Allgemeinen für Fälle verwendet, in denen unnötiger Papierkram die Effizienz bestimmter Verfahrensweisen unnötig hemmt. Angewendet auf den konkreten Fall heisst das doch nicht weniger als: Frau Zypries empfindet es als lästig und hinderlich, daß im Kampf gegen den Terror auf das Grundgesetz Rücksicht genommen werden muß. Diese Frau ist Bundesjustizministerin das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen!

Insgesamt ist sowohl in der deutschen als auch in der europäischen Politik seit dem 11. September 2001 verstärkt die Auffassung anzutreffen, daß Bürgerrechte im Kampf gegen den Terror angeblich weniger wichtig seien als Maßnahmen zur Verteidigung unserer westlichen Gesellschaften. Schlimm genug, daß demokratisch legitimierte Politiker immer häufiger Ideen ernsthaft formulieren, die sich mit dem Grundgesetz nicht vereinbaren lassen. Mindestens genauso schlimm ist aber, wenn Medien diese Argumentation einfach ohne weitere Reflektion übernehmen. Ich vermisse die lautstarke Kritik der Medien und den Aufruf, im Kampf gegen den Terror unsere Verfassung nicht aus den Augen zu verlieren.

Wer fordert, Bürgerrechte müssen eingeschränkt werden, um den Angriffen der Terroristen die Stirn bieten zu können, hat die elementarsten Grundsätze unseres Systems gründlich missverstanden. Das Grundgesetz, in dem die Bürgerrechte verankert sind, bildet die Wurzeln unseres freiheitlichen demokratischen Systems und somit unserer Gesellschaft. Wenn wir diese Wurzeln einkerben, wird der gesamte Baum darunter leiden. Der Versuch, den Baum am Leben zu halten, wird dann scheitern – entweder er wird durch den Sturm des Terrors umgeworfen, oder er vertrocknet langsam aber sicher. So oder so, wir werden verlieren, falls wir unsere eigenen Grundsätze im Kampf gegen den Terrorismus aufgeben.

Wenn die Karlsruher Richter also mit ihrem Urteil dafür sorgen, daß die Vorgaben des Grundgesetzes eingehalten werden, dann ist das kein “Rückschlag” in irgendeiner Form, sondern ein deutliches Wecksignal an die Politik, aber auch an die Medien und somit die Öffentlichkeit: aufgewacht, hier läuft was schief! Bleibt nur zu hoffen, daß das Signal nicht ungehört verhallt.

Mit freundlichen Grüssen,
Michael Renzmann

Letzte Änderung am: 20.07.2005

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Kommentare: 1

  1. 1

    otaku42 19.07.2005 um 08:35 Uhr

    Nur, um Missverständisse zu vermeiden: es geht mir hier nicht darum, Herrn Darkazanli als Unschuldslamm hinzustellen. Aber man kann ihm hier in Deutschland keine Straftat nachweisen, und scheinbar sind die spanischen Behörden auch nicht willens oder fähig, ihre Anschuldigungen entsprechend zu belegen. Wenn dann der einzige Ausweg, den die deutschen und spanischen Behörden sehen, sich auf ein Gesetz stützt, das gegen die in unserem Grundgesetz verankerten rechtsstaatlichen Prinzipien verstösst, dann darf er nicht ausgeliefert werden. Punkt.

    Da können sich Polizeisprecher, Verfassungsschützer oder Politiker noch so sehr aufregen. Wir dürfen nicht anfangen, Ausnahmen zu machen, denn dann verraten wir die Grundlagen unserer Gesellschaft. Wenn wir anfangen, unsere Prinzipien bei der erstbesten Prüfung aufzuweichen, dann gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Wir sind himmelschreiend dumm.
    2. Unsere Prinzipien sind nichts wert.

    Ich meine, Möglichkeit 1 trifft hier den Kern der Wahrheit.

    Am Rande bemerkt: heute morgen habe ich bei Spiegel gelesen:

    Die Union bringt eine Änderung des Grundgesetzes ins Spiel. [...]

    Der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Hartmut Nassauer, forderte eine engere Zusammenarbeit nationaler und europäischer Parlamentarier. In Europa gebe es einen “blinden Fleck der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie”, sagte er der “Berliner Zeitung”. Einerseits seien Kompetenzen an die Union übertragen worden und so dem Bundestag entzogen, andererseits genieße das EU-Parlament aber nicht entsprechende Befugnisse, sagte Nassauer. “Das muss geändert werden”, verlangte er. “Es darf keine rechtsstaatliche Lücke geben.” [...]

    Herr Nassauer verkennt meines Erachtens die Situation. Denn Tatsache ist, dass die einzelnen EU-Staaten sehr unterschiedliche Gesetzessituationen haben. Da ist es nur richtig, wenn die Ausarbeitung der eigentlichen Gesetze durch die Mitglieder selbst erfolgt und nicht auf EU-Ebene. Natürlich kann das auch mal zu Differenzen führen, aber das ist doch keine “rechtsstaatliche Lücke”, Das konkrete Problem hier ist doch, das die ausführenden Politiker in Berlin ihre Hausaufgaben nicht richtig gemacht haben. Wer sich, wie Herr Bosbach, vor diesem Hintergrund auch noch hinstellt und eine Grundgesetzänderung fordert, ist als Politiker absolut nicht mehr tragbar und sollte sofort seinen Hut nehmen!